huslige is watching you

Kreuzfahrt in Kreuzberg*

(*klingt natürlich gut; und Huslige kreuzt auch durch Kreuzberg um zu ihrer Kurz-Kreuzfahrt auf dem Badeschiff zu gelangen; aber wenn mans ganz genau nimmt liegt das Badeschiff in Treptow vor Anker; und fahren tuts auch nicht.... hach ja.)

Man kann zum saunen ja stehen wie man will. Eine Weile lang ist es durchaus interssant, verschieden geartete Geschlechtsorgane zu begutachtem, meist bis zu dem Moment, wenn man bemerkt dass man selbst ebenfalls Objekt der Beobachtung ist. Aber einen Besuch auf dem Winter-Badeschiff der Arena sollte man sich mal gönnen. Farbenpracht! Panoramablick zum alten Osram (bzw. Narva-)gebäude! Wellnessfreuden! aufgeheizt Nacktbaden bei angnehm kühlenden 22° im Außenbecken! Feine Sache, kostet aber 12 Euro. Keine Ermäßigung, meistens recht voll... Aber dank grandioser Öffnungszeiten findet man sicherlich ruhige Zeitpunkte, so wie heute, huslige 21.00-24.00 Uhr am Dienstag. Gibts noch bis Mitte April.

Bemerkenwert übrigens, dass Leute, die man zuerst mehrere Stunden lang nass und nackend betrachtet hat - getaufte Mäuse wie Gott sie schuf -, mit Kleidung, Schminke und Frisur fast nicht mehr wiederzuerkennen sind. Huslige z.B. schaut angezogen aus wie eine Dame und nackt wie ein kleiner Bub. Oder wars umgekehrt??

Montag Abend am Kiez.

Kennt ihr die Geschichte vom Herrn Zani? Wie er mal nachts an eine Kreuzung kam, an der ein altes Mütterchen stand, erbämlich zitternd und bibbernd. Und der Herr Zani geht hin und fragt: Gehts ihnen gut? kann man ihnen helfen? und das Mütterchen sagt: Nein nein es ist nichts. Ich bin nur so betruhuhuuunken.... Ich könnte ja heute wirklich einen Haufen Geschichten erzählen nach einem Kreuzberger Kneipenabend am Montag. Z.B. vom Jugoslawen, der 10 Jahre in Auxburg gewohnt hat und jetzt nach Chile will, um sich in Kneipen als Spanier auszugeben und Flamenco zu spielen... Oder von dem türkischen Opa der Ecke Wrangelstr. / Falckensteinstr. entlangwackelt, dabei furchterregend schwankt und mit den Armen rudert - und Huslige kann einfach nicht ausmachen, ob er weiß, dass sein Krückstock hinten an seinem Kragen hängt... Aber am meisten beeindruckt hat heute ein berliner Schicksal schlechthin. Es gab da diesen extrem netten Barkeeper, den ich kennenlernte als er mir vor etwa einem Jahr, während ich die erste aprilfrische Frühlingssonne genoss, einen vollkommen ungenießbaren Gin Tonic servierte. Und am nächsten Tag, als ich ihn auf "dieses Getränk" ansprach mit charmant erschrocken aufgerissenen Augen sagte: "Oh. äh. der Gin Tonic war Bäh, oder?" Eben dieser großäugige Bub begegnete mir kürzlich im Theater, als er mir irrtümlicherweise eine Bewerbung zu einem Schauspieler-Casting in die Hand drückte - er hatte die Huslige - wie andere vor ihm, wegen ihres ungünstigen Büroplatzes - für die Empfangsdame gehalten. Dumm gelaufen. Heute begegnet das schauspielernde Großauge also wieder der Frau Husligen. Er steht an der Theke in der Theaterkantine und ist außer sich. Schwer verstört und unglücklich. Wie sich herausstellt hat er ein Etablissement gemietet, und zwar von fiesen Küchenschwaben. Mir nichts dir nichts muss er seine eben aufgemachte Kneipe in 8 Tagen räumen. Frau Huslige ist mitleidig und verspricht, das dem Untergang geweihte Bierlokal (nur 2 Straßen vom husligen Wohnort entfernt) bald aufzusuchen, um an den Endexzessen teilzuhaben. Und als sich der montägliche Durst einstellt, wandert sie tatsächlich hin. Der ausschenkende Schauspieler freut sich sehr über den Besuch und in nullkommajosef ist Frau Huslige mit dem gesamten anwesenden Kiezbürgern vertraut. Komisch nur, wie sich ein Bub mit freundlicher Kellnermanier auf einmal in einen geschäftsmännischen Halbmafiosi mit fragwürdigen Allüren wandeln kann. Sehr fragwürdig, Huslige... Aber immerhin unterhält man sich über Dostojewski (Huslige: Dostojewski ist lustig. Schauspieler: Dostojewski ist wahr)

Man kann nun zwei Blickwinkel haben. Einmal, in der denkbar verstocktesten Lesart, wünscht man sich, nicht schon wieder einen Abend unter Kultur-Schafen, -Trollen und -Gschwärl zu verbringen. Dann fällt auf einmal die letzte Zitty Schlagzeile ein, die lautete: "Meine Armut kotzt mich an" (Aritkel zum Phänomen der No-Budget Lebensweise junger Berliner Kreativlinge). Und man sich umschaut. Und trotz Armut begegnen sich: der jugoslawische Augsburger Flamenco-Spieler, Chilene in spe; der Ex-Kameramann mit einem Faible für Bayern München und die schwedische Königsfamilie. Das Großauge. Die Huslige. Und am Ende auch noch der wackelnde Opa, die bibbernde Omi.

Lassen wir den Zynismus beiseite. Kiezkultur rulez. Und dem jungen Wirt wünsch ich einen Neustart ohne Küchenschwaben.

Statt einer Eröffnung: Huslige hat Angst vorm Fliegen

Heldenmutig ist Huslige trotz erheblicher Flugangst mal wieder an Bord geklettert und hat sich in die erste Sitzreihe geworfen (strategische Nähe zum Notausgang und Sitzplatz neben verhältnismäßig gutaussehendem jungen Mann). Das Flugzeug (Billiglinie) steht vollbesetzt und mit abgeschaltetem Bordlicht auf der Rollbahn und wird, wie der Kapitän wohlwollend versichert, lediglich enteist (schlotter) und wartet 40 Minuten lang auf eine Flugerlaubnis. Huslige schwitzt ein wenig, ignoriert geflissentlich ihren plötzlich äußerst sensiblen Geruchssinn (das riecht doch verbrannt hier… oder?) und liest was. Der (hübsche) Passagier links reibt sich die Handflächen an seiner Hose trocken (aha. Auch Flugangst. Hehe) und macht sich komische lila Stöpsel mit grünen Kügelchen dran in die Ohren – was ist das denn? Schickes Oropax? Eine neue elektronische Spitzfindigkeit (oh nein! Elektronische Geräte können den Funkverkehr beeinträchtigen…). Aber na ja. Die Panik hält sich in Grenzen, denkt sich Huslige, ganz und gar entspannt bin ich. Einatmen. Ausatmen. (riecht wirklich komisch hier drin) Wo war ich noch mal im Text…. Grad wie sie ihr Buch wieder zu lesen anfängt, prescht das Flugzeug los, röhrt und röchelt (klingt das immer so?) und geht in Schräglage. Huslige macht, in den Sitz gepresst, die Augen zu und betet ein Vaterunser. Bringt rein gar nichts. Schlecht Luft bekommt man in diesen Flugzeugen. Aber vermutlich ist alles ganz normal sonst würden ja die Sauerstoffmasken runterfallen. Aber vielleicht ist der Sauersoffmaskenrunterfallmechanismus kaputt? Huslige hat heiße Backen, ist sicher trotzdem recht blass geworden und nimmt an, dass sie aussieht wie a anämische Paradeis (großartige Umschreibung für ungesunde Hautfarbe – leider nur geklaut) - als es von oben tutet und der Passagier von nebenan sich voller Elan den Gurt vom Körper reißt. Hoppala. Wir sind oben und man darf sich abschnallen.„Boff ich hasse fliegen“ sagt Huslige schief lächelnd nach links und hört sich an wie ein Transistorradio unter Wasser. HÄ? Sagt der junge Mann daneben. „hast du Angst? Dann musst du viel Langstrecke fliegen, dann gewöhnst dich dran“ Danke, denkt sich Huslige. Du willst mir also mitteilen dass du ein Globetrotter bist. Sauber. „aha… äh…. Wohin fliegst du denn so normalerweise?“ „Indien, Sri Lanka. Asien halt“ sagt der Nachbar. „und was machst’ da so?“ „ach ich find’s da einfach gut. Da ist das Leben viel spiritueller als hier. Auch ästhetisch sehr ansprechend; (hm. Vielleicht erklärt das irgendwie die Ohrstöpsel ) und wenn du dich in Indien mal wirklich zurecht gefunden hast, verirrst du dich nirgends mehr …(usw.)“

Huslige unterhält sich glücklich mit dem Globetrotter und trinkt mit ihm a Bier. Alles schon viel rosiger; und man wird ordentlich schnell bedudelt in der Luft. Die Unterhaltung läuft und der Flugnachbar stellt sich als Theaterregisseur heraus

(na, das hätte nun doch nicht sein müssen)

Wieder auf sicherem Boden wird die Reisegesellschaft dann mehr oder minder lästig. „Schon wieder so ein elendiger Kluturschnösel, viel zu viel von dem Gschwärl hats“ denkt Huslige böswillig während der junge Mann neben der Gepäckausgabe unnötig lange und laut auf italienisch telefoniert. Auch in der S-Bahn nach Berlin ist er mit Händi und Palm beschäftigt.

Huslige liest stur bis in die Innenstadt wieder in ihrem Buch und ignoriert die Bekanntschaft. Dann kommt die richtige Haltestelle und man verabschiedet sich. Letzter Blick auf den Mitreisenden: Ein nettes Lächeln, ein freundlicher Blick, ein bissl rote Augen – vielleicht hatte er ja einen Excess am Wochenende in München. „Und wann geht’s wieder zurück“ fragt die Huslige, auf seine überdeimensionierte Reisetasche schielend. „Übermorgen. Ich mach immer bloß so Kurztrips nach Berlin“

Auf dem Heimweg sagt sich Huslige: Ein total netter Angeber. Und sicher bei weitem kein schlimmerer Angeber als die alte Huslige selber. Und von meiner idiotischen Flugangst hat er auch abgelenkt. Und zum Dank streift ihn mein misanthroper Blick.

Das muss sich ändern, Huslige.

Und mit solcher Selbst-Ermahnung eröffne ich diesen Blog.

Achtung. Huslige is watching you.

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