Huslige freut sich über Intelligenz statt Befindlichkeitskacke

... und das gleich zwei mal. Normalerweise kann man mich mit tiefschürfenden Befindlichkeits oder Weltverbesserungs-Stücken, Filmen, Büchern und so weiter jagen. Daher habe ich die beiden Veranstaltungen, die ich mir diese Woche zu gemüte geführt habe, grundsätzlich irgendwie mißgünstig und vourteilsschwanger betreten:

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- Berlinale Film von Vanessa Jopp (gesehen im fsk am Oranienplatz). Eigentlich zunächst aus puren Masochismus besucht: deutscher Berlin-Episoden-Film über Liebe und Einsamkeit leicht pessimistischer Färbung - du liebes Lieschen, schon wieder so eine Befindlichkeitskacke, denkt sich Huslige da zuvor, nö. Und dann stellt sich der Film als großartige - fast sogar schon erschreckend authentische - Alltagsstudie raus, die sich nichts desto weniger immer wieder absurd bricht. Besonders beeindruckend: die Brillianz und das gleichzeitige Understatement des Schauspiels. Wow. Huslige verneigt sich. Hier eine Kritik - Allerdings: Mathilda hört im Film kein Heavy Metal sondern bestenfalls Industrial. bitte.

Blackland

�?rpád Schilling / Krétakör Theater, Budapest (gesehen im HAU 2). Einfach auf gut Glück besucht wie ich das oft mache am HAU, völlig blank reingestolpert und nach einer gewissen Orientierungsphase sehr viel Postdramatik in altbekannter Fasson zu erkennen geglaubt; recht Marthaler-mäßig, nur viel plakativer und mit Ungarn-Focus, dachte ich. Und die Themen, hach ja, das Klagelied einer Gesellschaft mit rabenschwarzer Seele, immerhin viel Witz und Burleske dabei ... SMS, aggressiv piepend, eingeblendet über einen Monitor lieferten Schlagzeilen, die offensichtlich ungarische Nachrichten der letzten Zeit zusamenfassten, bunt zusammengewürfelt aus Wirtschaft, Politik und Vermischtem. Schauspieler, Sänger Musiker - großes Können, wilder Humor - präsentieren und illustrieren dazu Szenen. Die Nachrichten und ihre Umsetzung kulminieren immer weiter im Grauen. Bis plötzlich der strikt eingehaltene Themenkreis zu Ungarn, die Befindlichkeit einer Region in der Zeit des EU-Beitritts, mit 2 Szenen global bekanntgewordener Bildsprache gesprengt wird: Folterszenen aus Abu Ghraib, dann die nur zu bekannte Konstellation eines terroristischen Videos (Krummschwert involviert) lassen Plattitüden befürchten. Diese Szene bricht aber ab, indem ein Darsteller vors Publikum tritt und leicht gelangweilt die Interpretation der eben gesehenen Inszenierung, inkl. des Bühnenbilds, herunterrattert. Damit ist der Abend zu Ende, man ist vor den Kopf gehaun und bemerkt:
Alle husligen Ärgenisse wurden am Schluss ausgehebelt; in der gehaspelten Selbst-Interpretation zeigte sich das Stück als reflektierte Reflexion; ein Stück über das Wahrnehmen von Wirklichkeiten, und nicht, wie es der Beginn vorschnell befürchten ließ, der großkotzige Versuch eines mahnenden Statements.

(Und nebenbei: der Fellatio, den die junge Klarinettistin zu Beginn an ihrem Instrument vorführte, war bei weitem das Erotischste was Huslige seit Jahren auf einer Bühne gesehen hat)