Statt einer Eröffnung: Huslige hat Angst vorm Fliegen

Heldenmutig ist Huslige trotz erheblicher Flugangst mal wieder an Bord geklettert und hat sich in die erste Sitzreihe geworfen (strategische Nähe zum Notausgang und Sitzplatz neben verhältnismäßig gutaussehendem jungen Mann). Das Flugzeug (Billiglinie) steht vollbesetzt und mit abgeschaltetem Bordlicht auf der Rollbahn und wird, wie der Kapitän wohlwollend versichert, lediglich enteist (schlotter) und wartet 40 Minuten lang auf eine Flugerlaubnis. Huslige schwitzt ein wenig, ignoriert geflissentlich ihren plötzlich äußerst sensiblen Geruchssinn (das riecht doch verbrannt hier… oder?) und liest was. Der (hübsche) Passagier links reibt sich die Handflächen an seiner Hose trocken (aha. Auch Flugangst. Hehe) und macht sich komische lila Stöpsel mit grünen Kügelchen dran in die Ohren – was ist das denn? Schickes Oropax? Eine neue elektronische Spitzfindigkeit (oh nein! Elektronische Geräte können den Funkverkehr beeinträchtigen…). Aber na ja. Die Panik hält sich in Grenzen, denkt sich Huslige, ganz und gar entspannt bin ich. Einatmen. Ausatmen. (riecht wirklich komisch hier drin) Wo war ich noch mal im Text…. Grad wie sie ihr Buch wieder zu lesen anfängt, prescht das Flugzeug los, röhrt und röchelt (klingt das immer so?) und geht in Schräglage. Huslige macht, in den Sitz gepresst, die Augen zu und betet ein Vaterunser. Bringt rein gar nichts. Schlecht Luft bekommt man in diesen Flugzeugen. Aber vermutlich ist alles ganz normal sonst würden ja die Sauerstoffmasken runterfallen. Aber vielleicht ist der Sauersoffmaskenrunterfallmechanismus kaputt? Huslige hat heiße Backen, ist sicher trotzdem recht blass geworden und nimmt an, dass sie aussieht wie a anämische Paradeis (großartige Umschreibung für ungesunde Hautfarbe – leider nur geklaut) - als es von oben tutet und der Passagier von nebenan sich voller Elan den Gurt vom Körper reißt. Hoppala. Wir sind oben und man darf sich abschnallen.„Boff ich hasse fliegen“ sagt Huslige schief lächelnd nach links und hört sich an wie ein Transistorradio unter Wasser. HÄ? Sagt der junge Mann daneben. „hast du Angst? Dann musst du viel Langstrecke fliegen, dann gewöhnst dich dran“ Danke, denkt sich Huslige. Du willst mir also mitteilen dass du ein Globetrotter bist. Sauber. „aha… äh…. Wohin fliegst du denn so normalerweise?“ „Indien, Sri Lanka. Asien halt“ sagt der Nachbar. „und was machst’ da so?“ „ach ich find’s da einfach gut. Da ist das Leben viel spiritueller als hier. Auch ästhetisch sehr ansprechend; (hm. Vielleicht erklärt das irgendwie die Ohrstöpsel ) und wenn du dich in Indien mal wirklich zurecht gefunden hast, verirrst du dich nirgends mehr …(usw.)“

Huslige unterhält sich glücklich mit dem Globetrotter und trinkt mit ihm a Bier. Alles schon viel rosiger; und man wird ordentlich schnell bedudelt in der Luft. Die Unterhaltung läuft und der Flugnachbar stellt sich als Theaterregisseur heraus

(na, das hätte nun doch nicht sein müssen)

Wieder auf sicherem Boden wird die Reisegesellschaft dann mehr oder minder lästig. „Schon wieder so ein elendiger Kluturschnösel, viel zu viel von dem Gschwärl hats“ denkt Huslige böswillig während der junge Mann neben der Gepäckausgabe unnötig lange und laut auf italienisch telefoniert. Auch in der S-Bahn nach Berlin ist er mit Händi und Palm beschäftigt.

Huslige liest stur bis in die Innenstadt wieder in ihrem Buch und ignoriert die Bekanntschaft. Dann kommt die richtige Haltestelle und man verabschiedet sich. Letzter Blick auf den Mitreisenden: Ein nettes Lächeln, ein freundlicher Blick, ein bissl rote Augen – vielleicht hatte er ja einen Excess am Wochenende in München. „Und wann geht’s wieder zurück“ fragt die Huslige, auf seine überdeimensionierte Reisetasche schielend. „Übermorgen. Ich mach immer bloß so Kurztrips nach Berlin“

Auf dem Heimweg sagt sich Huslige: Ein total netter Angeber. Und sicher bei weitem kein schlimmerer Angeber als die alte Huslige selber. Und von meiner idiotischen Flugangst hat er auch abgelenkt. Und zum Dank streift ihn mein misanthroper Blick.

Das muss sich ändern, Huslige.

Und mit solcher Selbst-Ermahnung eröffne ich diesen Blog.

Achtung. Huslige is watching you.

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